Viele junge Ärztinnen und Ärzte wünschen sich heute mehr als nur einen sicheren Arbeitsplatz – sie suchen Sinn, Flexibilität und Lebensqualität. Warum kann eine hausärztliche Praxis in einem Ort wie Bad Hahnbach genau das bieten?
Ich glaube, wir müssen ein bisschen weg von der Vorstellung, dass man sich zwischen Karriere und einem guten Leben entscheiden muss – und dass das gute Leben zwangsläufig in der Großstadt stattfindet. Gerade die Hausarztmedizin bietet viele Möglichkeiten, den Beruf so zu gestalten, wie er zum eigenen Leben passt. Niederlassung heißt heute nicht mehr automatisch: Ich kaufe mit 30 eine Praxis, arbeite 60 Stunden die Woche und komme da bis zur Rente nicht mehr raus. Es gibt Jobsharing, Teilzeit, Gemeinschaftspraxen und weitere Modelle, wie man Verantwortung aufteilen kann. Auf dem Land kommt noch etwas Entscheidendes dazu: Man begleitet Menschen teilweise über Jahrzehnte, kennt Familien, Lebensgeschichten und das Umfeld. Die Arbeit hat dadurch eine ganz andere Kontinuität. Und nach Feierabend ist man nicht irgendwo am Ende der Welt: Nürnberg und Regensburg sind erreichbar. Gleichzeitig hat man Natur, Vereine, kurze Wege, Kinderbetreuung und ein Umfeld, in dem Menschen sich tatsächlich noch kennen.
Mit deinen Instagram-Videos über die Nachfolgesuche für die Praxis deiner Mutter hast du rund 650.000 Menschen erreicht. Gab es Rückmeldungen, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind? Und noch wichtiger: Hat dein Video tatsächlich geholfen, eine Nachfolge zu finden?
Die Videos haben mich ehrlich gesagt ziemlich überrascht. Wir wollten einfach zeigen: Da ist eine gut laufende Praxis, ein tolles Team und eine Ärztin, die gerne in Rente gehen würde. Dass daraus so viele Aufrufe werden, hatten wir nicht erwartet. Besonders hängen geblieben sind mir die vielen Nachrichten von jungen Ärztinnen und Ärzten, die geschrieben haben: „Eigentlich kann ich mir Landmedizin vorstellen – aber ich weiß überhaupt nicht, wie ich da hinkomme.“ Das zeigt für mich: Das Interesse ist durchaus da. Das Wissen, wie man den Weg in die Landmedizin finden kann, fehlt. Und jein: Das Video hat zwar konkrete Interessentinnen und Interessenten erreicht und ein paar Gespräche ausgelöst. Bisher haben alle Interessierten dann doch zurückgezogen – bisher immer wegen ihren Partnerinnen und Partnern, die nicht aufs Land wollten.
Du stehst selbst kurz vor deiner Facharztausbildung und erlebst die Herausforderungen an deine Generation hautnah. Was müsste sich aus deiner Sicht ändern, damit sich mehr junge Ärztinnen und Ärzte für eine Niederlassung auf dem Land entscheiden?
Ich glaube nicht, dass meine Generation grundsätzlich keine Lust auf Niederlassung oder aufs Land hat. Sie hat aber deutlich weniger Lust auf Modelle, bei denen man sich mit Anfang 30 finanziell und beruflich für die nächsten Jahrzehnte festlegt. Zudem muss der Einstieg erleichtert und das Wissen über andere Modelle vergrößert werden. Eine gute Beratung ist dafür essenziell. Wir lernen im Studium sehr viel darüber, wie man Krankheiten behandelt – aber fast nichts darüber, wie eine Niederlassung konkret abläuft. Und zur Landarztmedizin gehört eben auch das Leben außerhalb der Praxis: Kinderbetreuung und Schulen, Arbeitsplätze für Partnerinnen und Partner, Vereine und soziale Strukturen. Genau deshalb müssen Gemeinden, KVen und Politik den Einstieg in ein Leben vor Ort möglichst einfach machen. |